Musik entsteht nicht nur aus Instrumenten, Maschinen oder Stimmen. Sie entsteht aus Menschen, auch wenn das in Zeiten von künstlicher Intelligenz wohl nicht mehr jeder Person wirklich bewusst scheint. Musik entsteht aus Körpern, die nachts wach sind, aus Köpfen, die nie ganz stillstehen, aus Herzen, die sich immer wieder öffnen – für Ideen, für Zweifel, für Applaus und für Stille. In einer Szene, die von Leidenschaft lebt, wird dabei oft vergessen, wie verletzlich ihre Grundlage ist: die Menschen selbst.
Zwischen Hingabe und Selbstverlust
Musikschaffen ist selten ein Beruf mit klaren Grenzen. Proben verschieben sich in die Nacht, Studiozeit frisst Wochenenden, Gigs bedeuten Reisen, Warten, Auftritte – und am nächsten Tag wieder Alltag. Dazu kommt der ständige Druck, präsent zu sein: Releases ankündigen, Zahlen checken, vergleichen, reagieren. Vieles davon fühlt sich selbstverständlich an, fast unausweichlich.
Doch wo Hingabe zur Dauerhaltung wird, droht Selbstverlust. Der alte Mythos vom leidenden Künstler hält sich hartnäckig – als müsse Erschöpfung der Preis für Authentizität sein. Dabei zeigt die Erfahrung vieler Musikschaffender das Gegenteil: Wenn Körper und Geist dauerhaft überlastet sind, wird der Klang enger, nicht tiefer. Ideen wiederholen sich, Freude weicht Funktionieren.
Selbstfürsorge als Teil der künstlerischen Arbeit
Auf sich zu achten ist kein Rückzug aus der Kunst, sondern ein Schritt näher zu ihr. Zu dieser Erkenntnis gelangen derzeit viele Künstlerinnen und Künstler, wenn man etwaigen Ankündigungen auf Social-Media Glauben schenken darf. Selbstfürsorge beginnt banal und ist doch radikal: genug schlafen, regelmäßig essen, Pausen zulassen. In einer Szene, die oft Nachtarbeit glorifiziert, wirkt das fast wie Widerstand.
Für Musikschaffende bedeutet Selbstfürsorge auch, Zeiten ohne Sound zuzulassen. Momente, in denen nichts produziert, nichts bewertet, nichts geteilt wird. Stille ist kein Feind der Musik – sie ist ihr Resonanzraum. Viele der stärksten Ideen entstehen nicht im Studio, sondern danach.
Mentale Gesundheit im kreativen Prozess
Musik ist emotionales Arbeiten. Kritik trifft selten nur das Werk, sondern auch die Person dahinter. Zweifel, Vergleiche und Existenzängste sind keine Randerscheinungen, sondern Begleiter vieler künstlerischer Wege. Darüber zu sprechen, fällt schwer – besonders in einer Szene, die Stärke oft mit Durchhalten verwechselt. Verstärkt wird dieses stete Durchhalten durch Musikschaffende selbst, redet man doch mit der „Konkurrenz“ nicht über die eigenen Schwächen oder Gedanken. Dabei liegt genau in diesem Diskurs eine große Chance.
Mentale Gesundheit ernst zu nehmen heißt, sich selbst nicht nur als Produzentin oder Produzent von Output zu sehen, sondern als Mensch mit Grenzen. Austausch mit anderen Musikschaffenden, ehrliche Gespräche oder professionelle Unterstützung sind keine Schwäche, sondern Ausdruck von Verantwortung – sich selbst und der eigenen Kunst gegenüber. Man sollte begreifen, dass Nein zu sagen nicht bedeutet, Chancen zu verspielen. Oft bedeutet es, Raum zu schaffen: für Fokus, für Qualität, für langfristige Entwicklung, denn wer ständig alles macht, hört irgendwann auf, sich selbst zuzuhören.
Fasst man dies zusammen ergibt sich ein klares Bild: Streams, Reichweite, Sichtbarkeit – all das spielt eine Rolle. Doch wenn Erfolg ausschließlich daran gemessen wird, verliert Musik ihre Tiefe. Selbstfürsorge heißt auch, den eigenen Wert nicht an Zahlen zu binden, sondern an den Prozess, an das Lernen, an die Verbindung zur eigenen Motivation.
Für die Klangzone kann das eine Haltung sein: Musik als etwas zu verstehen, das Zeit braucht. Und Menschen, die diese Musik machen, genauso.
Denn nur wer bleibt – bei sich – kann langfristig etwas erschaffen, das nicht nur laut ist, sondern trägt.
Autor: Felix Neumann

